Ungewöhnliche Jesusbilder werden ein Predigtthema sein in diesem Sommer. Bilder, die eine ungewohnte Perspektive auf den Gottessohn werfen. Und als Einstieg ist es heute noch kein Jesusbild, sondern eine Gottesdarstellung von Gott dem Vater. Es ist ein Fresko aus der St. Maria-Magdalena-Kirche in Kolila, einem Ort im Osten von Estland.

Es ist gemalt auf den Schlussstein, der ganz oben im Gewölbe sitzt und dafür sorgt, dass die Kuppel der Kirche ihr eigenes Gewicht tragen kann.

Das Bild zeigt einen Mann mit freundlichem Gesicht. Große, wache Augen, runzlige Stirn. Ein Lächeln und ein langer Bart, der übergeht in den Mantel. Dieser Mantel ist so wallend, dass man die Silhouette des Mannes nicht erkennen kann. Aber: Seine Hände schauen aus dem Mantel heraus. Seine rechte Hand hat er zum Segen erhoben, seine linke Hand hält einen Reichsapfel: Die Weltkugel und darauf ein Kreuz, ein kaiserliches Herrschaftssymbol. Wer den Reichsapfel hält, herrscht über die ganze Erde. Über dem Mann steht das Wort: Sum, lateinisch für „ich bin“.

Eine Darstellung von Gottvater, der als Schöpfer über seine Welt regiert, sie segnet und der sich selbst vorstellt als „Ich bin (“sum”), der ich bin.“ (Ex 3,14).

Und ich bleibe bei der segnenden Hand hängen – wenn der Segen so sehr zu Gottes Wesen gehört – warum merken wir da nicht immer etwas davon?

Jesus sagt: „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.“ (Joh 12,45). Wer mehr über Gott erfahren will, tut gut daran, sich an Jesus zu halten.

Also folgen wir ihm auf den Berg der Seligpreisungen. Um uns herum stehen nicht die, die sich im Leben sowieso schon gesegnet fühlen. Sondern die, die immer irgendwie durchs Raster fallen, die nicht mehr mit Segen rechnen, deren Leben sich nicht segensreich anfühlt. Und genau sie spricht Jesus an:

Selig sind die Trauernden,“ sagt er. (Mt 5,4)

Und für uns könnte das heißen: Gesegnet seien die, die ihren eigenen Bruder zu Grabe tragen mussten. Und die, so gerne noch einmal Kind wären, aber deren Eltern nicht mehr da sind. Die, die so gerne Eltern geworden wären, aber ihr Baby ist nur wenige Tage alt geworden. Selig sind die, die um zerbrochene Träume trauern. Und um Beziehungen, die geendet sind. Selig sind die Trauernden.

Selig sind die Barmherzigen,“ sagt Jesus. (Mt 5,7)

Und für uns würde das heißen: Gesegnet seien die, die sich für andere einsetzen, obwohl das Kraft kostet und Zeit und anderes dafür zu kurz kommt. Gesegnet seien die, die überarbeitet sind und dringend eine Pause brauchen. Gesegnet sind die, die ihre Kinder nach dem Streit wieder in die Arme nehmen.

Selig sind die Sanftmütigen“, sagt Jesus. (Mt 5,5)

Und das könnte heißen: Selig sind die, die allein sind und sich so über einen Anruf freuen würden. Selig sind die Paketsortierer. Selig sind die, die so gerne mal wieder Karten spielen würden. Selig sind die Mitarbeiter von Karstadt. Jesus segnet euch.

Wir sind nicht nur gesegnete, wenn sich unser Leben so anfühlt. Sondern gerade dann, wenn wir den Eindruck haben, wir wurden beim Segen vergessen.

Ob wir gesegnete sind, oder nicht, das lässt sich nicht an unserem Leben ablesen.

Foto: RitaHe1962 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 ee, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28685114

Er bleibt, auch wenn wir unsere Fragen stellen und Zweifel anmelden. Wenn wir Gott bitten, seiner Welt doch wirklich seinen Segen zu schick, gerade jetzt wo sie so zerbrechlich und gefährdet scheint.

In der Kirche von Kolila ist das Fresko auf den Schlussstein der Kuppel gemalt. Auf den Stein, der das Gewölbe zusammenhält. Der Stein, der als letztes eingesetzt wird, damit die Kuppel hält. Wenn dieser Stein da ist, wenn dieser Gott mit seinem Segen über uns wacht, dann hält er unser Leben zusammen. Er ist da. Und er bleibt. „Sum“.

Wenn wir unsicher sind und etwas zum festhalten brauchen, dann haben wir beides an der Hand: Das Bild des lächelnd segnenden Gottes, der freundlich auf uns sieht. Der der Schlussstein ist und alles zusammenhält. Und unseren Herrn Jesus Christus, der Segen ausgegossen hat wie mit einer Gießkanne – und zwar gerade auch dann, wenn es sich am wenigsten so anfühlt.

 

 

Ein Segensgebet:

„Herr, wir bitten, komm und segne uns; lege auf uns deinen Frieden.

Segnend halte Hände über uns. Rühr uns an mit deiner Kraft.“

(Peter Strauch 1978)


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