Leicht gekürzter Text der Dialogpredigt in der Adelbyer Johanniskirche am 6.9.2020.

Pastorin Hansen (H): Liebe Gemeinde! Friederike Magaard und ich freuen uns, dass wir heute mit Ihnen Gottesdienst feiern als “Ihre neuen Pastorinnen”. Viel Neues kommt nun auf uns zu. Nicht nur auf uns, sondern vor allem auch auf Sie. Es wird eine Umstellung sein für Sie in Adelby und Engelsby, dass nun ein Dreier-Pfarrteam für Sie da sein wird. Sie müssen uns erst einmal kennenlernen, auch gewohnte Zuständigkeiten sind nun vielleicht anders. Die neuen Strukturen müssen erst einmal mit Leben gefüllt werden. Überhaupt Strukturen – dass sie in der Kirchengemeinde eine große Rolle spielen, ist nicht neu, wie uns der Predigttext für den heutigen 13. Sonntag nach Trinitatis zeigt.

„Die Gemeinde in Jerusalem wuchs stetig. Eines Tages beschwerten sich die Zugezogenen. Sie warfen den Einheimischen vor, ihre Witwen bei der täglichen Speisung zu übergehen. Daraufhin beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein und sagten: »So geht das nicht! Wir können doch nicht die Verkündigung vernachlässigen, um selbst an den Tischen das Essen auszuteilen.Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus. Sie sollen einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sein. Ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir dagegen werden uns ganz dem Gebet und der Verkündigung widmen.« Der Vorschlag fand die Zustimmung der Versammlung. Sie wählten Stephanus, einen Mann mit festem Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist. Außerdem Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus aus Antiochia, der früher zum jüdischen Glauben übergetreten war. Diese sieben ließ man vor die Apostel treten. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf. Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Gemeinde in Jerusalem wuchs immer weiter. Sogar von den Priestern nahmen viele den Glauben an.“

Apg 6,1-7 (Basisbibel)

H:    Hey, da ist ja `ne Menge los in diesem Text. Willst du mal erzählen, in welchem Kontext diese Geschichte steht und was vorher gewesen ist?

Pastorin Magaard (M): Ja! Wir sind mitten in der ersten Gemeinde in Jerusalem. Die Jünger versuchen mit anderen Anhängern Jesu in seinem Geiste weiter zu machen. Es scheint in dieser ersten Gemeinde zwei Gruppen gegeben zu haben: Menschen, die Hebräisch sprechen und Menschen, die Griechisch sprechen, die also neu in der Stadt waren. Und bei der Essensausgabe an die Bedürftigen kommt es dann zum Konflikt. Denn die griechisch sprechenden Witwen werden übersehen. Wie es dazu kommt, wissen wir gar nicht so genau. Ob da so ein Gewusel war, dass es einfach ein Versehen war. Oder ob gar nicht für alle genug Essen da war und die Apostel dann erstmal mit denen angefangen haben, deren Sprache sie sprechen? Oder ob die Zeit zu knapp war, sich um alle zu kümmern? -Wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass es diesen Streit gab.

H: Das ist ja interessant, dann hat die Harmonie in der ersten Gemeinde nicht lange angehalten. Nur zwei Kapitel vor unserem heutigen Predigttext geht es um die vorbildliche Gütergemeinschaft der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Da hieß es noch: „Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele.“ (Apg. 4, 32a) Aber diese Harmonie war dann ja anscheinend nicht von langer Dauer. Das ist ja echt traurig.

M: Aber auch beruhigend, finde ich, dass es denen nicht anders ging als uns: Dass wenn wir viele sind, dass auch manchmal etwas schiefläuft und leicht jemand übersehen wird. Und was mir noch auffällt: Das klingt so mühelos, wie die Gemeinde in Jerusalem mit dem Konflikt fertig wird: Sie stellen fest, sie schaffen nicht mehr alles alleine. Sie strukturieren um, verteilen die Arbeit auf mehr Schultern. Und dann ist am Ende nicht nur alles wieder gut, sondern alles ist sogar viel besser als vorher. Die Gemeinde kann weiter wachsen. Das klingt so einfach.

H: Ja, das stimmt und ist ja leider genau das Gegenteil von dem, was wir gerade erleben. Bei uns nehmen die Gemeindezahlen seit langem stetig ab. Deshalb haben wir ja auch nun diese neuen Strukturen bekommen. Dass Adelby und Engelsby einen Pfarrsprengel gebildet haben, ist ja genau ein Ergebnis davon. Und ich hoffe sehr, dass diese Veränderungen greifen und ebenfalls erfolgreich sind.

M: Was meinst du denn mit „erfolgreich“? Dass unser Pfarrsprengel alle Trends umkehrt und wächst und wächst wie die Jerusalemer Gemeinde?

H: Das wäre tatsächlich super. Aber es geht mir nicht in erster Linie um Gemeindegliederzahlen. Sie sind nicht der einzige Erfolgsfaktor. Für mich ist erstrebenswert, dass die Menschen, die sich zur Gemeinde zählen, gerne und bewusst dabei sind. Und dass das gelingt, liegt ja nicht in erster Linie an uns Pastorinnen und Pastoren. Dazu tragen alle bei, die sich am Gemeindelieben aktiv beteiligen. Und ja, vielleicht kann ihre und unser aller Begeisterung sogar andere anstecken, wieder Kirchenmitglied zu werden, oder zumindest nicht mehr über einen Austritt nachzudenken. Aber nochmal: Es geht nicht in erster Linie um eine zahlenmäßig große Gemeinde. Manchmal ist eine an Zahlen kleinere Gemeinde sogar lebendiger als eine große Gemeinde.

M:  Ja, und Menschen, mit denen Kirche lebendig wird, die sind mir in den letzten Wochen und Monaten auch in unseren beiden Gemeinden schon begegnet. Viele haben Träume oder auch ganz konkrete Ideen, wie sich unser Pfarrsprengel mit Leben füllen könnte.

H: Ja, von dieser verheißungsvollen Vorfreude habe ich auch während der Zeit, als ich mich auf diese Pfarrstelle beworben habe, viel gespürt. Es gibt offensichtlich viel Bereitschaft sowohl in Adelby als auch in Engelsby, sich auf etwas Neues einzulassen.

M: Ja! Wir müssen dabei aber wohl auch aufpassen, dass wir nicht die übersehen, die ihre Bedenken gegenüber den neuen Strukturen haben. Ich wünsch mir sehr, dass wir zusammen eine Athmosphäre schaffen, in der sich alle zu Wort melden können. Auch die, die skeptisch sind und das Ganze grade eher schweigend beobachten. Das brauchen wir, damit wir gemeinsam schauen können, ob es manchmal nicht Alternativen zu aktuellen Strukturen gibt, die passender sind.

H: Ja, genau. Das ist ja wie in dem Abschnitt aus der Apostelgeschichte: Erst die Kritik der Griechisch-Stämmigen gibt den Anstoß zu den neuen Strukturen. Sie machen darauf aufmerksam, dass es Menschen gibt, die in der Gemeinde zu kurz kommen und übersehen werden. Und dadurch werden in der frühchristlichen Gemeinde die ersten sieben Diakone ernannt, einem Amt, das bis heute prägend für unsere Kirche ist. Die Diakonie ist ein elementarer Teil der Kirche. Das zeigt, kritische Hinweise können Anstoß zu sehr erfolgreichen Ideen und Veränderungen geben. Der Predigttext zeigt aber auch, dass diejenigen, die übersehen werden und sich benachteiligt fühlen, häufig nicht selbst für sich einstehen, es vielleicht einfach nicht können. Es sind die anderen Griechisch-sprachigen, der Text nennt sie „die Zugezogenen“, die sich an die Jünger wenden.

M: Stimmt. So kann eine Lösung entstehen, die die beiden Lager verbindet. Das hätte man ja auch anders machen können: Die hebräischen Jünger kümmern sich um die hebräischen Witwen und griechische Gemeindeglieder um die Griechen. Aber das haben sie eben nicht so gemacht. Sondern sie haben Menschen beauftragt, die sich um alle Witwen kümmern. Und das ist dann noch etwas, was ich aus der Geschichte mitnehme: Dass sie noch mal genau geschaut haben, was die Betroffenen wirklich brauchen. Das wünsch ich mir für unsere Arbeit auch. Dass wir immer wieder neu schauen, ob die Bilder, die wir von einander haben, auch als Gemeinden, stimmen. Dass wir bereit sind, sie zu hinterfragen und neugierig aufeinander zu bleiben.

H: Und dass wir auch voneinander lernen. Adelbyer von Engelsbyern und umgekehrt. Auf beiden Seiten gibt es unterschiedliche Traditionen und Strukturen. Vielleicht können sich beide gegenseitig befruchten. Der Predigttext zeigt ja, dass Strukturen nicht in Stein gemeißelt.

M: Genau. Strukturen sind nichts für die Ewigkeit. Sie sollen ja einfach helfen, dass wir gute inhaltliche Arbeit machen können – Dass wir fröhliche, mutige, begeisternde Gemeinden sind. Und dazu gehört dann vielleicht auch mal, etwas auszuprobieren und wieder zu lassen; Die Möglichkeit, Fehler zu machen; Strukturen immer wieder anzupassen.

H: Ja, Strukturen sind nie ein Selbstzweck. Sie sollen Hilfsmittel sein und ein lebendiges Gemeindeleben ermöglichen. Und zur Gemeinde gehören wir alle. Das drückt das schöne Bild von der Gemeinde als der Leib Christi aus. Die Glieder dieses Leibes haben unterschiedliche Aufgaben und Begabungen, aber alle Glieder sind gleich wichtig und dienen dem Ganzen.
Ich hoffe sehr, dass wir das zusammen so leben und erleben können.

M+H: AMEN.

Bildnachweis: Alain Pham (Unsplash)


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